Was den Dauercamper vom Urlauber unterscheidet

Campingboom: „Das Gefühl lässt sich nicht bezahlen“, sagt die Chefin des Landesverbands Nordbayern des Deutschen Camping Clubs. Ein Gespräch über Ausstattung und den schönsten Moment auf dem Platz.

Früher hieß es: Entweder man liebt das Campen, oder man hasst es – dazwischen gibt es nichts. Heute entdecken immer mehr Menschen die Urlaubsform für sich, in all ihren verschiedensten Ausprägungen. Wem das spartanische Zelt am Badesee nicht taugt, dem gefällt es vielleicht im Komfort-Wohnmobil am norwegischen Fjord. Camping ist was für alle, ob alt oder jung, mit großem oder kleinem Urlaubsbudget. Aber nur noch die wenigsten Camper sind in den 188 regionalen Camping-Clubs aktiv, obwohl der DCC, der Dachverband der deutschen Campingclubs, und seine Ortsgruppen für Urlauber und Dauercamper jede Menge Service parat hält. Warum das so ist, haben wir Petra Schertel aus Nürnberg gefragt, die Vorsitzende des Landesverbands Nordbayern des Deutschen Campingclubs.

Frau Schertel, die Rede ist von einem Campingboom – merken Sie was davon?

Petra Schertel:

Mein Mann und ich haben jetzt drei Jahre Vorlauf gebraucht, um uns einen neuen Wohnwagen zu kaufen. Jedes Jahr waren alle schon im Frühling ausverkauft. Die Verkäufer haben uns erzählt, dass sie schon auf Messen gehen, aber kaum mehr Fahrzeuge zum Anbieten haben. Es gibt nichts mehr zu verkaufen, der Markt ist leergefegt. Ich würde also sagen: Ja, es gibt einen deutlichen Boom. Allerdings kommt in den Campingclubs wenig davon an.

Inwiefern?

Schertel:

Es ist leider so, dass sich kaum noch jemand engagieren oder organisieren will. Junge Familien wollen zwar campen, aber sie wollen keine Verpflichtungen mehr eingehen. Und man weiß ja: In einem Verein muss man gewisse Dinge einfach machen. Es ist gerade für uns Landesverbände und Ortsclubs schwierig, dass kaum Aktive mehr nachkommen. Beim Dachverband gibt es zwar noch junge Leute, da man darüber an viele Vergünstigungen kommt. In den Ortsclubs bin ich mit meinen 50 Jahren aber absolutes Jungvolk, da sind die Mitglieder eher 60, 70, manche sogar 80.

Die Kinder von Campern werden also nicht auch Camper?

Schertel:

Zumindest keine Dauercamper, das erfahren mein Mann und ich grad am eigenen Leib. Die haben einfach andere Interessen, wollen anders Urlaub machen. Camping ja, Organisation und Verpflichtung nein. Aber wer weiß, vielleicht kommt das bei denen auch später. Lust auf Campen haben ja heutzutage alle Altersklassen.

Warum eigentlich? Wie erklären Sie sich den Boom?

Schertel:

Ich glaube, das hat viele Gründe: Zum einen sind ein paar der typischen Urlaubsziele in den letzten Jahren von Anschlägen heimgesucht worden, da fühlen sich Touristen nicht mehr sicher. Dazu kommt, dass eine Flugreise für Familien mit Kindern schnell mal ein paar Tausend Euro kostet. Wohnwägen und Wohnmobile haben zwar auch ihren Preis, die hat man dafür aber auch Jahrzehnte lang. Und die Natur bekommt man doch noch einmal ganz anders mit als vom Balkon eines Hotels aus.

Würden Sie sagen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Dauercampern und Urlaubscampern?

Schertel:

Ja, den gibt es definitiv. Der Urlaubscamper parkt seinen Wohnwagen oder sein Wohnmobil, stellt seine Stühle raus und fertig. Der Dauercamper baut sich ein zweites Zuhause. Das Vorzelt wird bombenfest aufgestellt, alles hat seinen Platz, jedes Detail stimmt. So wie man es daheim schön und praktisch haben will, will man es da eben auch.

Und vom Menschenschlag her?

Schertel:

Naja, vom Schlag her vielleicht nicht, aber ganz sicher vom Verhalten. Wenn ich auf anderen Campingplätzen unterwegs bin, merke ich sofort, wer auch unter dem Jahr Dauercamper ist und wer nur Urlaubscamper ist. Das fängt beim Umgang mit den Sanitäranlagen an und geht bis zum Verhalten gegenüber den Nachbarn. Wir nehmen Rücksicht und helfen einander. Wir sagen: Wir leben auf engstem Raum zusammen, da herrschen andere Regeln. Da rede ich eben abends vor dem Wohnwagen etwas leiser, um niemanden in der Nachbarschaft zu stören. Kein Dauercamper würde um halb sieben am Morgen mit seinen Kindern vor dem Schlafzimmerfenster der Nachbarn das Toben anfangen.

Sie sagen Schlafzimmerfenster statt Wohnwagenfenster – das ist schon eine ernste Angelegenheit, oder? Der Wohnwagen, das ist ihr zweites Haus im Sommer?

Schertel:

Nicht nur im Sommer! Wer wirklich mit Leidenschaft Dauercamper ist, der ist auch im Winter auf dem Platz.

Tatsächlich?

Schertel:

Da ist es fast noch mal schöner als im Sommer. Wir mummeln uns warm ein und stehen beim Glühwein zusammen. Da ist jeder Tag Weihnachtsmarkt.

Aber das ist doch kalt!

Schertel:

Unser Wohnwagen ist auch für den Winter ausgestattet. Das geht schon.

Apropos Ausstattung. Das Angebot wird ja immer luxuriöser: LED-Fernseher, Fußbodenheizung, Spülmaschine – schicker als die meisten Studentenbuden. Wie viel hat das noch mit Campen zu tun?

Schertel:

Hmm, da muss ich vorsichtig sein, was ich sage, auch wenn ich Ihren Punkt schon auch sehe. Mittlerweile gönne ich mir aber auch ein bisschen mehr Luxus als noch vor zehn Jahren. Sagen wir mal so: In Kroatien war ich mit meiner Eiswürfelmaschine unterwegs.

Lässt das nicht ein bisschen Ursprünglichkeit vermissen?

Schertel:

Ja und nein. Klar, man kann sich viel kaufen, wenn man das nötige Kleingeld hat. Ein brauchbares Wohnmobil beginnt bei so 40 000 Euro, ein Wohnwagen bei rund 30 000. Es geht aber hoch bis zu 200 000 Euro.

Das ist eine Menge Geld.

Schertel:

Es ist nicht mehr ganz so wie früher, ja. Da war Campen die günstigste Art, Urlaub zu machen. Heute will man mehr Komfort, braucht größere Autos, um immer größere Wohnwägen zu ziehen. Ich dachte sonst immer, wenn die Kinder aus dem Haus sind, haben wir wieder ein kleineres Auto – aber jetzt muss das Auto den Wohnwagen ziehen. Ich würde sagen: Man kann teuer und günstig campen. Aber das Gefühl, das lässt sich sowieso nicht bezahlen.

Welches Gefühl ist das?

Schertel:

Einfach sein zu können, wie man ist. In der Gemeinschaft auf dem Campingplatz zu leben, ganz egal, ob man nur ein paar Tage dasteht oder das ganze Jahr. Sich nicht fürs Frühstücksbüfett zurechtmachen zu müssen. Frühmorgens aufzustehen, mit dem Kaffee in der Hand die Wohnwagentür zu öffnen, mit den Füßen im Gras zu stehen und der Natur dabei zuzuschauen, wie sie langsam aufwacht. Das ist für mich das Schönste am Campen.

Campingclubs in Deutschland

Dachverband ist der Deutsche Campingclub (DCC), der 1948 mit dem Ziel gegründet wurde, eine Camping-Infrastruktur aufzubauen. 1949 kam das erste Zeltplatzverzeichnis heraus, das bis heute erhalten geblieben ist und in Form des „DCC Campingführer Europa“ jährlich erscheint und mittlerweile über 6000 Plätze vorstellt und bewertet. Sitz des DCCs ist München. Der DCC ist in 21 Landesverbände und 188 Ortsverbände aufgegliedert. Zuständig für den Regierungsbezirk Unterfranken ist der Landesverband Nordbayern. Die dem Landesverband angehörigen Clubs sind: CC Bamberger Reiter, Campingclub Bayreuth, Camping Club Coburg, Kreis-Camping-Club Hof/Saale, Camping-Caravan Club Noris Nürnberg, Campingclub Rangau und der Orts-Club Würzburg.

Insgesamt hat der Landesverband Nordbayern rund 1500 Mitglieder, aktiv und in Ortsclubs organisiert sind aber nur wenige davon. Deutschlandweit hat der DDC 28 525 Familienmitgliedschaften, das entspricht einer Personenzahl um die 100 000. Die Mitglieder können ein breites Leistungsspektrum nutzen: Der DCC bietet Kaufberatung, Urlaubsberatung, Rechtsauskunft, eine Pannenhilfe-Notfallnummer mit Abschleppdienst, Camping-Versicherungen, Vergünstigungen und vieles mehr. Die einzelnen Landesverbände oder Ortsclubs organisieren zudem diverse Gemeinschaftsfahrten, sogenannte Rallyes, bei denen bis zu mehrere Hundert Camper gemeinsam ein paar Tage auf Campingplätzen verbringen.